Zur Veröffentlichung der vier Folgen von „Anne in Kingsport“ (Titania Medien) war Marc Gruppe, Autor und Regisseur der ANNE-Serie, wieder so nett, uns in einem ausführlichen Interview Rede und Antwort zu stehen. Vorab schon mal ganz vielen Dank für dieses informative Gespräch! 

(Über das Hörspiel und die neuen Folgen könnt Ihr bei uns im Forum sprechen.)




Wie kann man sich die Arbeit eines Drehbuchautors für Hörspiele vorstellen? Gibt es eine bestimmte Vorgehensweise? 

Marc Gruppe: Die ist eigentlich immer gleich. Zunächst lese ich die Vorlage einmal komplett durch, um mich über den Inhalt zu informieren. Dabei entwickeln sich in meinem Kopf bereits erste Ideen für die Dramatisierung. Bei einem zweiten Lesevorgang sortieren sich diese Ideen noch mehr. Ich weiß dann, wo ich raffen, kürzen, umstellen werde und wo die Schwerpunkte und Höhepunkte gesetzt werden. Und dann geht es los, eine leere Seite auf dem Bildschirm starrt mich an und will mit Worten gefüllt werden.


Wie frei fühlt man sich, was man mit dem Originaltext machen kann? 

Marc Gruppe: Sofern es sich um Bearbeitungen handelt, ich also einen Roman oder eine Erzählung als Vorlage habe, fühle ich mich selbstverständlich diesem Werk verpflichtet. Wenn man alles darin verändern würde, macht es ja keinen Sinn, das überhaupt zu machen. Außerdem soll der Hörer die literarische Vorlage in der Hörspiel-Bearbeitung ja auch wiedererkennen. Insofern wird bei uns Werktreue sehr groß geschrieben. Vor allem ist es dabei entscheidend, dass das Hörspiel den Geist atmet, der die literarische Vorlage durchweht.


Weiß man beim Schreiben, wie viel Zeit zum Beispiel eine Seite Text ist?

Marc Gruppe: Ja, das ist sogar ganz wichtig, damit das hinterher auch gut auf eine CD passt. Das hängt natürlich von der Formatierung ab. Bei uns sind es ca. 2 Minuten pro Seite. Plus / Minus 10 Minuten Schwankungen auf das ganze Hörspiel gerechnet. Das hängt immer davon ab, ob es viele Dialoge mit extrem langen Textpassagen gibt. 


Schreibt man als Drehbuchautor gezielter, wenn man weiß, welche Stimme die Rolle spricht?

Marc Gruppe: Sagen wir mal so: es kann durchaus sehr schön sein, wenn man gezielt einem bestimmten Schauspieler die Rolle auf den Leib schreiben darf. Dies war z. B. im Fall von Marilla Cuthbert so. Es war von Anfang an klar, dass Dagmar von Kurmin unsere Marilla werden würde. Uns verbindet eine langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit und tiefe Freundschaft und Frau von Kurmin ist eine Könnerin erster Güte vor dem Mikro ebenso wie auf der Bühne oder vor der Kamera. Für ein gutes Endergebnis ist es jedoch nicht entscheidend, dass ich beim Verfassen der Dialoge schon konkret weiß, wer diese Rollen sprechen wird. Allerdings habe ich natürlich bestimmte Stimmen dabei im Kopf, die ich mir vorstellen muss, um die ganze Sache auch möglichst lebendig und glaubwürdig zu Papier zu bekommen. 


Wie einfach oder schwer war es, an die Rechte für die Umsetzung  zu kommen? Man hört ja oft, dass die Erben von LMM sich gelegentlich einer Veröffentlichung der Werke in den Weg stellen. 

Marc Gruppe: Der Kontakt mit der Anwaltskanzlei, die im Auftrag der Enkel der Autorin die Rechte verwalten, war von Anfang an sehr gut. Das größte Problem – und daher hat es auch so lange gedauert, bis wir uns vertragseinig wurden – war es, den Kanadiern zu erklären, was wir eigentlich mit der Lizenz machen wollen. In Kanada kennt man Hörspiele nur aus dem Radio. Eine kommerzielle Hörspiel-Szene wie bei uns mit solch einer Auswahl an Titeln auf CD im Handel, kennt man dort gar nicht. Das war etwas schwierig zu erklären, aber wie man sieht, haben wir es geschafft. In Kanada war man übrigens hellauf begeistert, wie schön unsere Produktionen aussehen. Zum Inhalt kann man dort wegen der Sprach-Barriere natürlich nicht viel sagen. Wir haben uns jedoch über die große Euphorie bezüglich der Coverbilder und des Layouts mit den bunten Rahmen und Schnörkeln sehr gefreut.


Die meisten Werke von LMM sind ja in Kanada gemeinfrei, trifft das auch für Deutschland zu? 

Marc Gruppe: Da weißt Du mehr als ich. Für Europa gilt eine Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Autors. Es ist dann ab dem 1.1. des folgenden Jahres sog. gemeinfrei. Im Fall von LMM heißt das also, ab 1.1.2013 müssen wir keine Lizenzgebühren mehr bezahlen.


Wie ist das mit einer Übersetzung der Bücher? Wurde der Text für das Hörspiel direkt aus dem englischen Original-Text geschrieben, oder das Original zuerst übersetzt und dann weiterbearbeitet?

Marc Gruppe:: Letzteres wäre dann doch zu aufwendig. Daher habe ich beim Schreiben lediglich das Original vor mir liegen und mache das übersetzen dann quasi „unterwegs“. 


Läuft man Gefahr, sich mit der ersten Übersetzung der Anne-Serie (Bücher im Löwe/Arenea-Verlag) in Deutschland zu überschneiden?

Marc Gruppe:: Keineswegs. Gerade bei den Anne-Büchern ist es sehr wichtig, die englischen Original-Romane durchzuschauen, da – gerade in dem ersten Band – doch viel in der deutschen Buchausgabe dem Rotstift zum Opfer fiel. Zum Teil durchaus Dinge, die für später wichtig sind. Das ist bei uns in den Hörspielen alles wieder drin, der Geisterwald zum Beispiel.


Das Einsprechen erfolgt heutzutage ja meistens getrennt, auch bei Dialogen, die mehrere Schauspieler fordern. Wird das bei euch auch so gehandhabt? 

Marc Gruppe: Ja. 

Warum macht man das so?

Marc Gruppe: Das ist von der Organisation, der Klangqualität und auch von der Regie-Arbeit her besser für uns zu handhaben. Dann kann ich mich bei der Regie auch komplett auf einen Schauspieler konzentrieren und mit ihm so lange arbeiten und feilen, bis wir das optimale Ergebnis für die jeweilige Szene erzielt haben.


Wie läuft das ab? Bekommen die Schauspieler dann einen "Statisten", um die Dialoge echter zu sprechen oder geht es ohne?

Marc Gruppe: Ohne geht es nicht. Üblicherweise spreche ich den Gegenpart und zwar von der Emotion her so, wie der „richtige“ Kollege das auch machen wird, denn es soll ja später alles schön zusammen passen. Ich empfehle zu diesem Thema übrigens die 6 kleinen Video-Mitschnitte unserer Veranstaltung auf der Leipziger Buchmesse 2008. Marie Bierstedt (Anne) und Dagmar von Kurmin (Marilla) erzählen da sehr viel über die Entstehung eines Anne Hörspiels und geben auch live einige Kostproben ihrer Kunst. Und ich bin auch dabei. 
Zu sehen gibt es die Filme hier: Titania Specials Leipziger Buchmesse 


Wie läuft das Einsprechen ab? Ändert man da auch schon mal während des Sprechens etwas? 

Marc Gruppe: Alles was beim Spielen der Texte nicht funktioniert wird sofort geändert und zwar so lange bis es rund und „schnauzengerecht“ ist. Es muss ja passen. Allerdings sind nicht wirklich viele Änderungen an den Dialogbüchern nötig.


Ändern die Schauspieler ihren Text, wenn sie nicht so gut damit zurecht kommen?

Marc Gruppe: Nur nach Absprache.


Wie fanden die neuen Schauspieler ihre Rollen? Nach welchen Gesichtspunkten wurden sie ausgewählt? 

Marc Gruppe: Die Reaktionen auf das Anne-Projekt waren unter allen beteiligten Schauspielern sehr positiv. Es ist für die Kollegen auch schon deshalb etwas besonderes, weil es mal keine Grusel- Horror- oder Krimihörspiel-Serie ist. Ausgewählt haben wir sie danach, dass ihre Stimmen ideal zu den Figuren passen, so wie wir – mein Kollege Stephan Bosenius und ich – sie vor unserem inneren Ohr hatten, nachdem die Skripte fertig waren.


Am interessantesten sind natürlich aus "Anne of Avonlea" Mr. Harrison und Miss Lavender, die größeren neuen Rollen, sowie aus "Anne in Kingsport" Phil und Roy?

Marc Gruppe: Mit Kammerschauspieler Heinz Ostermann arbeiten wir schon viele Jahre zusammen und konnten uns daher keinen besseren Mr. Harrison vorstellen. Besonders, da Herr Ostermann von rau bis zart über so viele Zwischentöne verfügt und damit herrlich zu modulieren versteht. Bei der zarten Miss Lavendar mussten wir sofort an unsere Freundin Monica Bielenstein denken, die man vor allem als deutsche Stimmbandvertretung von Emma Thomson kennt. Ihre Miss Lavendar fanden wir wahrlich entzückend und liebenswert skurril. Für Phil konnten wir Sarah Riedel gewinnen, die Tochter von Lutz Riedel und Marianne Groß. Eine sehr begabte Nachwuchsschauspielerin, die sich im Theater-, Film-, TV- und Synchronbereich bereits bestens bewährt hat und für die quirlige Phil genau die richtigen Töne drauf hat. Außerdem freuen wir uns, dass wir für den „göttlichen Roy“ solch eine sympathische Stimme gewinnen konnten, wie sie Christian Stark zur Verfügung steht. Er spricht übrigens bereits seit Kindertagen in Hörspielen, u.a. war er „Der kleine Vampir“. 


Waren die Kinderrollen wirklich so junge Sprecher (Davy, Dora und Paul)? Wie ist die Arbeit für und mit so jungen Sprechern? Haben sie auch getrennt von den anderen gesprochen?

Marc Gruppe: Ja, die Kids haben wir auch einzeln aufgenommen. Albert Werner (Davy) ist damals 11 Jahre alt gewesen, Marie Hinze (Dora) 8 und Aljosha Fritzsche (Paul) 14. Ich finde, die haben alle einen ganz tollen Job gemacht! Die Arbeit mit Kindern fällt mir nicht schwer, da ich viele, viele Jahre Kindertheater gemacht habe. Und wenn die jungen Sprecher so talentiert sind wie diese 3, ist es einfach nur schön mit Kids zu arbeiten. Üblicherweise arbeiten wir bei Kindern die Rollen Satz für Satz ab, währen wir mit den erwachsenen Kollegen immer ganze Szenen aufnehmen, damit diese einen guten Bogen bekommen.


Es wurde ja wieder nur wenig gekürzt und geändert. Nach welchen Kriterien seid Ihr vorgegangen? 

Marc Gruppe: Der Spannungsbogen muss stimmen und die Höhepunkte müssen richtig verteilt sein, damit es gespielt dann auch gut funktioniert. Da „tickt“ eine Dialog-Bearbeitung eben doch manchmal anders als ein Buch. 

Warum wurde das Ende von "Anne in Kingsport" abgeändert? Im Buch macht Gilbert Anne erst einige Zeit, nachdem er seine Erkrankung überstanden hat, den erfolgreichen Hochzeitsantrag, im Hörspiel noch am Krankenbett.

Marc Gruppe: Ich hatte schlicht das Gefühl, dass es nun endlich an der Zeit war, die ganze Sache in sichere Bahnen zu lenken. Der arme Gil und die Hörer haben so lange darauf warten müssen, dass Anne es endlich schafft, zu ihren wahren Gefühlen zu stehen, da wollte ich nicht noch Geplänkel dazwischen schieben. Die ersten Rezensionen geben mir da in meiner Einschätzung recht.


Nach "Anne in Ingleside", dem sechsten Buch der Serie, soll Schluss sein, stimmt das? 

Marc Gruppe: Nein. Es wird bereits nach „Anne in Four Winds“ Schluss sein für die Hörspiel-Serie, Folge 20 ist also die letzte. Veröffentlichung der Folgen 17-20 ist im März 2010. Zuvor kommen aber noch die Folgen 13-16 im September 2009 heraus: „Anne in Windy Poplars“.

Liegt es daran, dass Annes eigene Geschichte damit eigentlich zu Ende ist? 

Marc Gruppe: Genau. Ab dem Ingleside-Buch dreht sich fast alles nur noch um die Kinder und Anne, Gilbert und vor allem Rachel, Marilla und alle andern treten in den Hintergrund. Das wollten wir nicht machen. Insofern hören wir auf, wenn es am schönsten ist: mit dem Auszug aus dem Traumhaus und dem Umzug nach Ingleside in Folge 20. Das hat dann eine sehr positive Perspektive für das Protagonisten-Paar und ist ein würdiges Ende für die Hörspiel-Serie, die bereits 8 Mal Hörspiel-Award-Gold gewonnen hat.

Wäre nicht auch die Geschichte von Rilla noch ein interessanter Stoff für ein Hörspiel gewesen, oder ist Rillas Bekannt- und Beliebtheitsgrad bei uns nicht so hoch?
Marc Gruppe: Ich habe natürlich auch das Rilla-Buch geprüft und fand es inhaltlich durchaus interessant. Allerdings ist es derart düster und deprimierend durch die Auswirkungen des 1. Weltkriegs auf die Familie, dass wir damit die Reihe nicht beenden wollten. Aber wer weiß, vielleicht machen wir es eines Tages doch noch. Im Moment ist es aber nicht geplant.

Vielen Dank für das Interview!
Marc Gruppe: Ich habe zu danken für die sach- und fachkundigen Fragen. Immer gerne!






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